








01 Chinatusche auf Packpapier, 300cm*70cm, 2006 02 Chinatusche auf Kunststofffolie, 300cm*90cm, 2010 03 Chinatusche auf Transparentpapier, 300cm*90cm, 2010 04 Chinatusche auf schwarzem Karton, 300cm*50cm, 2005 05 Chinatusche auf Packpapier, 300cm*70cm, 2006 06 Chinatusche auf Kunststofffolie, 300cm*75cm,2010 |
Rudolf zur Lippe
„Das Denken zum Tanzen bringen“
Gestische Malerei
27.08.-11.09.2010
Vernissage der Ausstellung: Freitag, der 27.August 2010 ab 20 Uhr.
Seit der ersten Ausstellung von Rudolf de Lippe in Heidelberg 1964 brachte der herausragende Kritiker Albert Schulze Vellinghausen ihn in Verbindung mit Ben Nicholson, dessen lebensvoller Strich ihn beeindruckte als Beziehung und Grenze zugleich zwischen Räumen, und mit Antonio Calderara mit seinen monochromen Bildern. Dieses Vorgehen wird Rudolf de Lippe für viele Jahre ebenso verfolgen, wie er auch geometrische Collagen aus Zeitungen und anderem Papier macht.
In der Bretagne, während er gerade seinen Umgang mit dem Pinsel zu verflüssigen sucht, bekommt er eine Rolle Packpapier von 3 Metern Länge und 70 Zentimetern Breite zu kaufen. Nun geht er in Erprobungen und entdeckt, dass er seine Malerei vom traditionellen Format ausdehnen kann zu einer Art Unendlichkeit in einer Dimension, die, selbst wenn sie Grenzen hat, kein Oben und Unten, keinen Anfang und kein Ende kennt und von allen Seiten betrachtet werden kann. Später hat ihn seine riesige Installation für die Stadt Sarajevo mit dem Masstab der urbanen Landschaft konfrontiert. Dreihundert Bahnen sind auf Papier entstanden und vierzig auf Leinen, von denen die Hälfte gegenwärtig zwischen den Pfeilern der Marktkirche in Hannover hängen.
Mit der Zeit entwickelt sich die Arbeit in jenem ganz selbstverständlichen Atemzug. Ihre vollen und leeren Zeiten, bis zu den Tropfen der Tinte, die manchmal die Stille akzentuiren. Man denkt an Jackson Pollock, doch auf diesen langen Bahnen ist kein Raum für ein Zögern noch eine Zeit zur Umkehr. Der Leib des Malers, zugleich biegsam und gespannt in der Meditation vorbereitet, gleicht dem des Tänzers, der seinen Elan für einen Sprung sammelt. Man erinnert sich an den Film, den Rudolf de Lippe über Maurice Béjart gemacht hat. An seine Begegnung mit diesem Künstler, der Freiheit in eine absolute Disziplin brachte. Im Gegensatz dazu erinnert man sich an die Forschungen von Rudolf de Lippe über Geometrisierung der Bewegung in der Geschichte des Militärs und bis in die der französischen Gärten.
Seine Bildung durch den Austausch mit grossen Philosophen unserer Zeit, durch seine Arbeit in Indien und in Japan hat ihn in dem bekräftigt, was er instinktiv praktizierte: Körper und Geist kommen in einer einzigen Bewegung gleichzeitig ins Spiel, um die Eindrücke, die Empfindungen Ausdruck werden zu lassen, im Sinne jener Durchlässigkeit, die der Zen-Lehrer Dürckheim lehrte, mit dem er durch Jahrzehnte gearbeitet hat, wie auch im Aikido. Schritte auf dem Seil, die der Gefahr entgehen müssen, in Vagheit oder ins Dekorative zu verfallen.
Der Künstler, dem Rudolf de Lippe sich am nächsten fühlt, ist Jean Degottex, ein französischer Meister der lyrischen Abstraktion. Mit einer seiner Arbeiten, fast ein Comic, zeigt Degottex die Geburt und die Entwicklung eines Zeichens, die Beziehung zwischen dem Pinsel, der Hand, dem Körper, dem Schlag des Herzens und der Bewegung. Der Pinsel geht mit dem Atem, die Geste hält erst an, wenn der Atemzug endet – ein fast mystisches Ritual.
„Wieviel Kraft werden die Bilder haben, unsere Bereitschaft zu wecken, unsere Erinnerungen aus verschütteten Erlebnissen vom Auftauchen der Gesten in uns, um uns zum Leben zu bringen...“ sagt Rudolf de Lippe zu Degottex in seinem Buch „Sinnenbewusstsein“ von 1987.
Bei Rudolf de Lippe entwirft die genaue, schnelle Geste das Auffliegen eines Vogelschwarmes. Als Maler und Philosoph besteht er darauf, dass die Fülle nicht der Leere im Wege steht und dass die Leere dazu auffordert, die Bewegung weiter zu verfolgen.
So entstehen künstlerische, literarische und philosophische Annäherungen an das Phänomen, die auf einander antworten. In seiner Philosophie des Wandels und der Bewegung, die im Herbst 2010 beim Alber Verlag unter dem Titel: „Das Denken zum Tanzen bringen“, wie auch die Ausstellung, erscheint, sagt er: „Ich begriff, dass ich mich von dem Bewegungsgeschehen der Stare in kalligraphische Übungen führen lassen sollte. Es kam zu diesen Arbeiten, lange bevor ich meinen Satz bei John Cage wieder zu lesen bekam: ,Die Vögel steigen in mir auf!'.“
Das ist die Natur: Auch wenn die Vögel nicht dargestellt sind, man nimmt die Energien ihrer Flugbahnen wahr. Deren Überlagerungen lassen Ordnungen entstehen, die Fragen an den Betrachter stellen.
Christiane Germain
Paris, Juli 2010
Zur Person:
Christiane Germain hat durch die 70ger Jahre mit ihrem Mann Eric die Galerie Germain in Paris geführt, die die meisten der heute grossen Namen aus dieser Periode bekannt gemacht hat – von James Lee Byars bis Jürgen Klauke. Sie hat die erste Vereinigung von Galerien der Rive Gauche für gemeinsame Ankündigungen initiiert und mit Paul Menz den Austausch zwischen Pariser und deutschen Galeristen vorweggenommen.
Seit 1985 hatte sie eine Sendung über Architektur und Kunst bei Europe1, schreibt Bücher und Artikel in zahlreichen internationalen Zeitschriften, produziert Filme über Kunst und Design, ist Jurorin für das PS1 New York, den DAAD und in Tokio (mit Susan Sonntag, Elanna Heiss u.a.) Ihr neuestes Buch: „Paris – Berlin“ Ramsey, 2009.
Vernissage der Ausstellung: Freitag, der 27.August 2010 ab 20 Uhr.
Uraufführung einer Kompositum von Christian Ofenbauer (Mozarteum Salzburg)
Marc Stuhlmann (Köln) wird für die Vernissage ein Tanzsolo erarbeiten.
Es spricht Adrienne Goehler.
Werkstattgalerie
Eisenacher Str. 6
D-10777-Berlin
Phone: +49.30.21002158
Di-Fr 12-20h, Sa 12-18h

FRANCIS BACON’S DRAWINGS |